Es werde Salz

Der Sole in Bad Rothenfelde auf der Spur – ein Streifzug durch den Solegang

Plitsch! Platsch! Plitsch! „Vorsicht – hier bitte den Kopf einziehen, es wird eng!“ Platsch! Plitsch! Ein etwa 300 Meter langer Tunnel windet sich mitten unter dem Kurpark von Bad Rothenfelde durch die Erde. Auch, wenn mittlerweile Neonröhren den zu Beginn des 18. Jahrhunderts gemauerten Solegang beleuchten, birgt er doch noch manches Geheimnis.

Foto: Hans-Peter Fröbel

Geheimnisvolle Gänge im Untergrund

Während Reinhard Peters bedächtig vor mir durch das fußknöchelhohe Wasser stiefelt, das durch den unterirdischen Kanal plätschert, bestaune ich die fremde Welt um mich herum: Die verwitterten Wände des sich sanft schlängelnden, aus derbem Tuffstein gemauerten Tunnels, die sich irgendwo, weit vor uns im Dunkeln, verlieren. Den vom Eisen rostrot gefärbten Schlick unter unseren Füßen. Die lustigen kleinen Zapfen, die sich an der Decke des kühlen Gewölbes hier und da gebildet haben. Stalagmiten, Stalagtiten, wie war das noch gleich…?

Neugierig streiche ich über eines der schlanken Kristallgebilde und schmecke – nein, kein Salz! Reinhard Peters bemerkt meine Verwunderung und schmunzelt.

Salzig oder nicht salzig, das ist hier die Frage …

Denn was ahnungslose Touristen wie mich meist gründlich überrascht, gehört für den Fachmann zum Basiswissen. Zumal wenn er, wie Peters, zu den Gründungsmitgliedern des Fördervereins zum Erhalt der Bad Rothenfelder Gradierwerke gehört und sich mit allem, was rund um die Salinen passiert, bestens auskennt. „Die Zapfen bestehen nicht aus Salz“, erklärt er mir. „Sondern es handelt sich um Kalkausblühungen aus dem Mauerwerk. Und Kalk schmeckt nicht salzig.“ Ach so ist das – wieder etwas dazu gelernt, freue ich mich, dass die Flamme des Wissens auch hier unten munter flackert. Ob denn wohl wenigstens das Wasser salzig ist? Doch just als ich Anstalten mache, meinen Finger in die trübe Flüssigkeit zu tunken – Plitsch! Platsch! Pause … – dreht der frühere Betriebsleiter der Bad Rothenfelder Kurverwaltung sich neuerlich zu mir um: „Sie brauchen gar nicht zu probieren – das ist kein Salzwasser“, sagt er.

Besucherführung durch den unterirdischen Solegang im Sole-Heilbad Bad Rothenfelde.

Foto: Michael Gründel/NOZ

Urige Kulisse für spannende Geschichten

Zugegeben, ich bin jetzt doch ein wenig irritiert: Über uns Kalkzapfen, unter uns süßliches Sickerwasser – warum heißt dieser unterirdische Stollen eigentlich Solegang? Wo sprudeln sie denn nun, die vielgepriesenen salzhaltigen Quellen, deren heilsame Wirkung die ehemalige Bauerschaft Rodenfelde in einen beliebten Kurort verwandelt hat? Und deren Sole noch heute über die Dornwände der beiden Gradierwerke in Bad Rothenfelde  rinnt, die carpesol SPA Therme mit speist und die Wannenbäder Kurmittelhaus versorgt. Reinhard Peters verharrt und lässt seinen Blick beinahe andächtig durch die Kulisse schweifen. Die Geschichte der Sole in Bad Rothenfelde ist weites Feld. Doch an welchem anderen Ort als hier im unterirdischen Teufelsbruch, wo im Jahr 1724 tief unter den Tuffsteinfelsen die Alte Quelle entdeckt wurde, könnte man diese Geschichte besser zu erzählen beginnen?

Wie aus einem Dorf ein Kurort wurde

„Als man sich vor fast 300 Jahren auf Geheiß des damaligen Fürstbischofs von Osnabrück auf die Suche nach dem weißen Gold machte“, berichtet Reinhard Peters live aus der Pfütze, „fand Baumeister Johann Christoph Märcker in den Tiefen des Steinbruchs – den die Leute damals den Teufelsbruch nannten, weil es in dessen Spalten so gurgelte und zischte – die Alte Quelle.“ Eine ergiebige, sehr kohlenstoffhaltige Solequelle, deren Salzgehalt bei etwa fünf Prozent lag. Heureka! Dem Aufstieg des kleinen beschaulichen Dörfchens zum anerkannten Kurort stand nichts mehr im Wege. Noch heute kündet eine Gedenktafel, die gleich neben dem Eingang zum Pumpenhaus angebracht ist, von dem denkwürdigen Ereignis.

Ein Rohrsystem aus ausgehöhlten Fichten

Und eben jene kostbare Salz-Wasser-Lösung der Alten Quelle wurde dann durch just diesen Solegang, in dem Reinhard Peters und ich uns gerade unterhalten, bis zu den Gradierwerken geleitet, dort durch mehrfaches Verrieseln über die Dornwände auf 25 Prozent konzentriert und anschließend in großen Siedepfannen zu Kochsalz, dem Natriumchlorid, eingedampft. „Da hinten befindet sich noch eine der alten, ausgehöhlten Fichten“, deutet Peters auf einen schwarz verfärbten Holzstamm, der im rostroten Gerinnsel auf dem Boden liegt. „In solchen Rohren wurde damals die Sole von der Alten Quelle durch den Solegang bis zum Gradierwerk geleitet.“ Aha – jetzt fügt sich alles zusammen: daher – und also völlig berechtigt – die Bezeichnung Solegang!

Reinhard Peters führt Besucher durch den unterirdischen Solegang in Bad Rothenfelde und erzählt Spannendes & Wissenswertes zur Vergangenheit des Kurortes im Osnabrücker Land.

Foto: Michael Gründel/NOZ

Und immer wieder: Süßwasser im Spiel

Aber: Woher fließt die Sole heute? Vielleicht durch das dicke Kunststoffrohr, das neben uns an der Tunnelwand entlangläuft? „Nein“, schüttelt Peters den Kopf und lächelt: Denn schon wieder ist Süßwasser im Spiel! Die Leitung bilde die Hauptversorgung des Kurmittelhauses, erläutert er, darin sprudle erstklassiges, mehrere Tausend Jahre unberührtes Trinkwasser aus der Kolkquelle. Die Alte Quelle sei dagegen bereits 1931 außer Betrieb gegangen, als man zwei Jahre zuvor die weitaus kräftigere Waidmann- und 1931 dann die Wittekindquelle erschlossen habe, deren Sole die Bad Rothenfelder bis heute nutzen.

Gut zu wissen

Wer mehr über das weiße Gold von Bad Rothenfelde, die verschlungenen Wege der Sole und ihre Nutzung erfahren möchte, kann bereits jetzt bei der Tourist Information Bad Rothenfelde einen Termin für eine Führung durch den Solegang vereinbaren. Ab Sommer 2018, wenn die Sanierung des ersten Abschnitts abgeschlossen ist, können Besucher dann sogar trockenen Fußes die unterirdische Welt der Solegänge erkunden.


Titelbild: Michael Gründel/NOZ

Verfasser
Ulrike Havermeyer
… wurde als Tochter einer tief in der westfälischen Krume verwurzelten Landwirtsfamilie 1968 in Osnabrück geboren. „Das Überspringen der Landesgrenze hat auch weiterhin meine Biografie geprägt: Kindheit und Schulzeit im Tecklenburger Land; Studium, Ausbildung zur Redakteurin und erste Berufsjahre in der niedersächsischen Hasestadt. Seit der Familiengründung in Westfalen bin ich als freie Journalistin in beiden Bundesländern aktiv. Und – bevor ich es vergesse: Mein Mann ist natürlich ein Niedersachse …“

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