Als der Hüggel steil ging

Zu Besuch im Silberseestollen in Hasbergen

Beschattet vom dichten Laub der Eichen, stehe ich oberhalb des Silbersees und lasse meinen Blick über die Schlucht schweifen, die der einstige Tagebau im Hüggel hinterlassen hat. Genau hier am Eingang zum Silberseestollen, versichern mir Tourguide Gerald Posch und Projektleiter Timo Kluttig vom UNESCO Geopark TERRA.vita, befinde sich der perfekte Ort für eine imaginäre Zeitreise. Also schließe ich meine Augen und schicke meine Gedanken auf eine Expedition in die Vergangenheit.

Schon vorm Eingang vom Silberseestollen geben die Tour-Guides erste Erklärungen.

Jetzt bloß nicht die Augen öffnen!

Die Sommersonne, weiß wie ein Zitronensorbet, spiegelt sich im klaren Wasser der Priele. Behutsam tasten meine nackten Füße sich durch den schlüpfrigen Schlick. Hier und da spüre ich die zarte Schale einer winzigen Muschel an meinem Zeh. Dass ich für eine Wattwanderung gar nicht bis an die Nordseeküste, sondern nur nach Hasbergen fahren muss, habe ich bis vor wenigen Tagen noch gar nicht gewusst. Fasziniert wate ich in meiner Phantasie weiter durch eine geradezu subtropische Szenerie. Sogar Korallen, deren fragile Äste an einigen Stellen aus dem seichten Wasser ragen, haben sich vor Ort angesiedelt. Jetzt bloß nicht die Augen öffnen! Denn dann wäre der Meeresboden nicht mehr aufzuhalten – und der Hüggel ginge steil! Das Watt und mit ihm seine kleinen Bewohner würden versteinern. Und damit wäre auch die stimmungsvolle Illusion, der ich mich gerade so genüsslich hingebe, futsch – und wir landeten im Hier und Jetzt: mittendrin im Reich der Hüggelzwerge!

Dackelgroße Ur-Dinos streifen durch Niedersachsen

Doch noch steuert die versierte Crew des Geoparks TERRA.vita ihr Raumschiff samt neugieriger Passagierin sicher durch die Äonen der Erdgeschichte. 245 Millionen Jahre zurück, als die Landschaft, die heute den Hüggel bildet, noch flach und überflutet, und das Klima noch drückend und schwül war. Und als, statt aus der chronologischen Ordnung gefallene Wattwanderer, dackelgroße Ur-Dinosaurier durch das südliche Niedersachsen streiften.

Nicht nur im Silberseestollen in Hasbergen, sondern auch drumherum gibt es viel zu entdecken.

Wie ein Blatt Papier zum Osnabrücker Bergland wird

„Das sind Dimensionen, die man sich sehr schwer vorstellen kann“, gesteht Gerald Posch, während sein Kollege Timo Kluttig zwei gegenläufige, leicht versetzte Parallelen in einen DIN A4-Zettel schneidet. Er legt das Modell einer dynamischen Erdkruste auf eine Holzbank und schiebt die Enden des Blattes sanft aufeinander zu. An der Stelle, wo die papiernen „Gesteinsplatten“ nicht weiter nebeneinanderher gleiten können, bildet sich in der ebenen Fläche ein kleiner Buckel. „Etwa auf diese Weise ist vor rund 90 Millionen Jahren der Hüggel als sogenannter Karbonhorst entstanden“, erklärt mir Kluttig die Geheimnisse der Tektonik.

So spannend kann also Erdkunde sein, staune ich. Schade, dass das zu meinen Schulzeiten keiner meiner Lehrer derart anschaulich zu vermitteln wusste.

Anhand von Papier erklärt Timo Kluttig, was es mit der Tektonik auf sich hat.

Zurück in die Zukunft

Wenn aber sogar ich, die ich Steine bisher einfach nur sterbenslangweilig fand, bei der geologischen „Wattwanderung im Mittelgebirge“ Feuer fange, dann nichts wie raus aus der temporalen Rolle rückwärts, die Augen aufgesperrt und den Kräften der Natur ihren Lauf gelassen! 245 Millionen Jahre springen an mir vorbei bis in die Gegenwart. Mit Urgewalt bäumt sich ächzend das Osnabrücker Bergland auf. Statt Schlick an den Füßen, trage ich derbe Wanderschuhe, das Sonnenlicht tausche ich gegen eine Grubenlampe ein, die an meinem Schutzhelm befestigt ist. Und schon stapfe ich gemeinsam mit Gerald Posch und Timo Kluttig hinein in die kühle Dunkelheit vom Silberseestollen.

Der Weg der Steine

Über uns wölben sich die zerklüfteten Gesteinsschichten des etwa 250 Meter langen Transporttunnels. Diesen haben die Bergleute, die von 1927 bis 1937 in den beiden benachbarten Kalksteinbrüchen arbeiteten, in den Hüggel gesprengt. Genau hier, wo ich jetzt mit meinen Begleitern über den vom UNESCO Geopark TERRA.vita angelegten Pfad aus stabilen Holzbohlen stapfe, verliefen früher die Gleise der Feldbahn. Sie brachte das gewonnene Material vom kleineren, östlich gelegenen, zum größeren westlichen Silbersee-Steinbruch. Vom noch heute als Ruine erhaltenen Kalkstein-Bunker aus, ging es dann per Drahtseilbahn weiter über den Kamm des Hüggels Richtung Norden zur Verladestation der Hüttenbahn. Und mit ihr schließlich nach Georgsmarienhütte, wo der Kalkstein als Zuschlag in den Hochöfen und im angeschlossenen Zementwerk benötigt wurde.

Mit Helm und Lampe bewaffnet geht es rein zur Expedition in den Silberseestollen.

Bedächtig lasse ich meine Hand über die kühlen, schroffen Wände neben und über mir gleiten, während meine beiden Weggenossen geduldig die Geschichten für mich übersetzen, die die Bergbauindustrie so mühsam in das Gestein gemeißelt hat.

Die Welt aus der Maulwurfsperspektive betrachten

„Wenn wir hier durch den Silberseestollen gehen, dann betrachten wir das fossile Wattenmeer aus der Maulwurfsperspektive heraus“, lenkt Gerald Posch den Blick nun weiter in die Tiefen des Erdmittelalters. „So, als befänden wir uns unterhalb des Meeresbodens.“ Oder – bildlich betrachtet: auf dem Modellzettel von Timo Kluttig direkt unter der kleinen Wölbung. Posch, gelernter Bergbauingenieur, und Kluttig, von Hause aus Geograph, lesen in den meterdicken Sedimentschichten, zu denen sich der Wattboden über die Jahrmillionen verdichtet hat, wie in den Seiten eines offenen Buches. Und nach und nach finde auch ich mich in der Unterwelt der Gezeiten immer besser zurecht.

Wiedersehen mit alten Bekannten

Während meine Begleiter mit viel Fachwissen und noch mehr Begeisterung längst verschüttet geglaubte Kapitel der regionalen Erdgeschichte wieder lebendig werden lassen, bewundere ich die bizarren Strukturen des Gesteins. Nicht nur die Gänge und Fraßspuren der Vorfahren unserer heutigen Wattwürmer und den spiralig gewundenen Wohnbau eines Ur-Krebses, sondern auch die filigranen Krallenabdrücke der scheuen Ur-Echsen entdecke ich. Doch dann tauchen mit einem Mal im Lichtkegel meiner Grubenlampe ein paar alte Bekannte auf, die ich mit überschwänglicher Wiedersehensfreude begrüße. Winzig kleine Muscheln, deren zarte Schalen diesmal allerdings nicht an meinem nackten Zehen kitzeln, sondern als fossile Relikte in einer Kalksteinplatte gleich über meinem Kopf durch die Ewigkeit reisen.

Im Silberseestollen in Hasbergen im Osnabrücker Land gibt es viel zu entdecken.

Gut zu wissen

Wer einen Ausflug in die Vergangenheit des Hüggels unternehmen möchte, sollte das unter Schutz stehende Flora-Fauna-Habitat nur in Begleitung eines Tourguides betreten. Je nach Witterungsbedingungen bietet das TERRA.vita-Team die „Wattwanderung im Mittelgebirge“ von Mai bis Oktober als öffentliche Führung durch den Silberseestollen an.
Infos und Termine findet ihr auf der Webseite vom UNESCO Global Geopark TERRA.vita.

Führungen für Gruppen ab zehn Personen organisiert der Tourismusverband Osnabrücker Land e.V., Anfragen unter 0541/323-4567 oder service@osnabruecker-land.de.

Der Kultur- und Heimatverein Hasbergen lädt außerdem zu Führungen auf seinem Geologischen Lehrpfad sowie in das Museum Geozentrum Hüggel ein.

Übrigens: Auch Brigitte war in einem ehemaligen Steinbruch, nämlich am Piesberg, unterwegs.

Eine Führung durch den Silberseestollen lässt sich super mit der Fahrradtour Dütetour verbinden!

Verfasser
Ulrike Havermeyer
… wurde als Tochter einer tief in der westfälischen Krume verwurzelten Landwirtsfamilie 1968 in Osnabrück geboren. „Das Überspringen der Landesgrenze hat auch weiterhin meine Biografie geprägt: Kindheit und Schulzeit im Tecklenburger Land; Studium, Ausbildung zur Redakteurin und erste Berufsjahre in der niedersächsischen Hasestadt. Seit der Familiengründung in Westfalen bin ich als freie Journalistin in beiden Bundesländern aktiv. Und – bevor ich es vergesse: Mein Mann ist natürlich ein Niedersachse …“

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