Das Glück des Augenblicks

Kunst in Kürze – ein Blick in die Austellung Danse Macabre im Diözesanmuseum Osnabrück

Es ist ein gewagtes Thema, das sich verschiedene Ausstellungsmacher in Osnabrück vorgenommen haben: Danse  macabre – Totentanz. Das lässt mein Herz nicht spontan höher schlagen. Spannend ist das Thema trotzdem. Und die Ausstellungspartner – vom Theater über Kunsthalle, Felix-Nussbaum-Haus bis zum Diözesanmuseum – nähern sich ihm behutsam und in unterschiedlichen Formen. Man könnte sagen: für jeden was dabei. Für mich ist es die kleine und sehr feinsinnig gemachte Sonderausstellung im Diözesanmuseum. An einem frühen Mittwochabend profitiere ich genau dort mit rund 15 anderen Interessierten von dem neuen Angebot Kunst in Kürze. Hier bekommen wir erst mal nur ein Exponat zu dem Thema in 20 – 30 Minuten präsentiert. Danach geht das Leben weiter. Angekündigt ist: „Pluvialeschild und -stäbe“. Aha. Mit der delikaten Beigabe: „mit Totentanzszenen“.

‚Was in aller Welt…‘, denke ich skeptisch. Und bin 30 Minuten später ein ganzes Stück schlauer.

Die Fachfrau für das Thema mit dem komplizierten Namen heißt Friederike-Andrea Dorner und ist Kunsthistorikerin mit Leib und Seele. Sie führt uns in das schon geschlossene Museum und bleibt nach ein paar Metern vor einem enormen Chormantel stehen.

So ein Chormantel wird auch Cape oder Pluvial genannt.

Aber warum heißt das Ding so? Und was hat das mit Funktionskleidung zu tun? So ein Cape war schon vor 1000 Jahren gut gegen Wind und Regen (lat. Pluvia). Deshalb hatte das Teil damals auch noch eine veritable Kapuze und reichte zweckmäßig nur bis zum Knie. Und dann lief es wohl so: In dem Maße, wie die Kirche zu Macht und Ansehen kam, nahm der Bedarf an „draußen-zuhause-Funktionskleidung“ ab. Somit wurde aus der Kapuze mit der Zeit ein sog. „Schild“, ein kostbar verziertes Halbrund auf dem Rücken des Mantels. Dazu kamen auf der Vorderseite noch zwei sogenannte Stäbe. Und damit ist für mich auch geklärt, was Pluvialschild und -stäbe bedeuten: Es sind kostbar bestickte Besätze an einem Chormantel. Die, die wir heute zu sehen bekommen, stammen aus dem Anfang des 17. Jahrhunderts.

Kunst in Kürze ist ein neues Angebot des Diözesanmuseum Osnabrück. Dies findet statt jeweils am ersten Mittwoch im Monat. Bei den etwa 20-minütigen Kurzführungen steht jeweils ein anderes Ausstellungsobjekt im Fokus.

Bleiben noch die Totentanzszenen. Nicht unbedingt ein Motiv, das man sich gerne umhängt.

Das Pluvial hatte eine neue Funktion angenommen und wurde vom Priester mehr zum Schmuck als zum Schutz gegen Wetterunbill getragen. Schmuck trägt man gern und zu vielen Anlässen. Für eine Beisetzung ist so ein Totentanz-Szenario durchaus angemessen. Das Motiv der „Totentänze“ verdient wirklich, genauer angeschaut zu werden – auch, wenn wir uns naturgemäß dagegen sträuben: Es geht immer um die Macht des Todes über die Menschen, denen bei dieser Gelegenheit der Spiegel ihrer Vergänglichkeit vorgehalten wird. Das Totentanz-Motiv im Mittelalter kommt weniger bedrohlich und makaber, als vielmehr mahnend und zur Umkehr und Besinnung aufrufend daher. Ganz nach dem Motto: Bedenke, dass du sterben musst, auf dass du klug wirst.

Heute würde man sich vielleicht ein Seminar über den Sinn-des -Lebens buchen, Klöster und andere „Auszeit-Orte“ aufsuchen.

Kunst in Kürze ist ein neues Angebot des Diözesanmuseum Osnabrück. Dies findet statt jeweils am ersten Mittwoch im Monat. Bei den etwa 20-minütigen Kurzführungen steht immer ein Museumsobjekt im Fokus.

Im Mittelalter war man plakativ und direkt unterwegs.

Meterlange Totentanz-Darstellungen zierten öffentliche Gebäude wie Friedhofs- und Klostermauern. Und sie zierten eben auch einen Priestermantel. Aus heutiger Perspektive „liest“ sich das durchaus subtil. Denn die Darstellungen auf den beiden Stäben links und rechts des Umhanges zeigen in schöner Hierarchie links Papst, Kardinal und Bischof und rechts Kaiser, König und Edelmann. Die damaligen Vertreter der kirchlichen und weltlichen Macht sind vor dem Tod alle gleich. Die kunstvoll gestickten, naturalistischen Details zeigen, wie der „Sensenmann“ selbstverständlich nach den Zeichen ihrer Macht greift.

Alles in allem Stoff genug, um sich die existenziellen Fragen zu stellen – wenn man will. Muss aber nicht.

Gleich daneben hat der Schweizer Künstler, Hans Thomann, seine sehr ironisch-intelligente Totentanzreihe aufgebaut. Als zuverlässig tickende Schweizer-Uhrwerke natürlich. „Der Tanz geht weiter“ heißt diese witzige Installation, in der dem Tod als Skelett u.a. lauter Heldenfiguren unserer Tage begegnen. Dem „Grünen Kobold“ zeigt er den Mittelfinger.

Noch ein Beispiel seiner ironischen Kunst findet sich über dem Ausgang des Ausstellungsraumes. Das Notausgangschild zeigt mit einem goldenfarbenen Pfeil in Richtung dreier tanzender Gerippe. Eine Behörde hat das Schild dennoch als offizielles Notausgangs-Schild durchgewunken, denn es entspricht allen formalen Bestimmungen: Farbe, Größe, ein Pfeil in die richtige Richtung.

Tja, so läuft’s denke ich und nehme trotzdem diesen Ausgang, mit dem guten Gefühl, in den letzten 30 Minuten richtig bereichert worden zu sein.

In das Felix-Nussbaum-Haus gehe ich ein anderes Mal. Dort hängt Ludwig Kirchners Totentanz der Mary Wigman.

Ernst Ludwig Kirchner: Totentanz der Mary Wigman (Felix-Nussbaum-Haus Osnabrück)

Gut zu wissen

Die Reihe Kunst in Kürze findet an jedem ersten Mittwoch im Monat im Diözesanmuseum statt. Treffpunkt ist um 18:00 Uhr im Forum am Dom. Der Eintritt ist frei.

Die Ausstellung Danse macabre – Totentanz läuft noch bis zum 25. Juni 2017 in Osnabrück. Orte: Theater | Felix-Nussbaum-Haus | Diözesanmuseum | Kunsthalle

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Verfasser
Brigitte Neuhaus
... ist Rheinländerin, also Frohnatur und vom Wasser abhängig. "Vom Rhein bin ich über Elbe, Oker und Leine an der Hase gelandet, die hier ein Fluss ist. In den vergangenen fast 20 Jahren habe ich – quasi im Selbstversuch entdeckt, dass es noch mehr Wasser und auch mehr als Wasser in der Region rund um Osnabrück gibt. Fertig bin ich damit noch lange nicht. Früher unterwegs mit Fahrradanhänger und Kindersitz, mittlerweile "ohne" Anhänger, dafür mit Freundinnen aus dem Süden der Republik. Die Radwege sind schön leer, einen Platz im Hofcafé muss man nicht vorher reservieren und die Luft ist eindeutig frischer als im Rheinland. Meine Wochenend-Alternative zum Besuch auf dem Osnabrücker Wochenmarkt am Dom ist immer eine Tour ins Osnabrücker Land. Und von der komme ich abends erholt und gut gelaunt zurück in die Stadt."

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